Silver der Ziegenbock

Ich bin jetzt drei Monate alt, lebe seit kurzem wieder auf dem Hof und muss euch unbedingt meine Geschichte erzählen.

Ich wuchs mit zwei weiteren Geschwistern im Bauch meiner Mutter heran. Am Anfang war das ja noch ganz kuschelig, aber dann wurde es immer enger und enger. Mein dicker Bruder drückte mich und meine Schwester ganz schön zusammen. Der arme Kerl hatte dann bei der Geburt auch ziemlich Probleme, weil er mit dem Popo zuerst heraus wollte und nicht wie üblich mit dem Kopf. Zum Glück waren helfende Hände zur Stelle und zogen so lange an ihm, bis er es geschafft hatte. Er sicherte sich dann auch sofort eine der beiden Zitzen seiner Mutter (Ziegen haben leider nur zwei), meine Schwester nuckelte an der anderen. Ich war so schwach, dass ich nicht einmal aufstehen konnte und hätte es nie geschafft, an die warme Milchquelle zu gelangen und eines meiner Geschwisterchen wegzudrängen. Also rollte ich mich zusammen, schlief ein und wurde immer kälter – es war ja erst Anfang März.

Plötzlich wurde es über mir herrlich warm. Ich wachte auf und sah eine rote Wärmelampe über mir und Menschen in weißen Kitteln um mich herum. Sie redeten aufgeregt durcheinander, pieksten mich – sie nennen das spritzen – und langsam fühlte ich mich so gut, dass wir die Tierklinik wieder verlassen konnten. Ich kam in eine kleine warme Höhle, in der ich immer das Herz meiner Mutter schlagen hörte. Wenn ich meckerte, antwortete sie. Das war schön. Später erkannte ich dann, dass meine Höhle eine Transportbox mit Wärmflasche und Wecker war und dass die Antwort meiner Mutter von einem Menschen nachgemacht wurde. Danke für den so liebevollen Start ins Leben!

Leider nahm mich meine Mutter nicht mehr an, als ich kräftig genug gewesen wäre, um mich bei meinen Geschwistern durchzusetzen, und deshalb musste ich von Menschen mit der Flasche großgezogen werden. Und so kam ich, zehn Tage alt, zu meiner neuen ErsatzmaMA, für mich ist sie meine EMA.

Obwohl ich auf dem Hof wegen meines hellen Fells Silver getauft wurde, nannte mich meine EMA immer Möck-Möck, Möcki, und wenn sie sauer war einfach nur Möck. Zu meiner großen Freude gab es dort zwei Pudel als Spielkameraden, die sich liebevoll um mich kümmerten. Der jüngere der beiden, Mogli, und ich, wir wurden dickste Freunde. Wenn meine EMA nicht wusste, wo ich in dem großen Garten gerade steckte, brauchte sie nur Mogli zu rufen, und wir kamen zusammen angerannt. Für mich begann eine herrliche Zeit: Alle zwei Stunden warme Ziegenmilch aus der Flasche, spielen, klettern, Bocksprünge üben, neben Mogli gekuschelt auf der Gartenliege schlafen oder, wenn es kalt war, in der Küche neben der Heizung. Das einzige, was mich störte, war der fehlende Ziegengeruch. Ich versuchte das zu ändern, indem ich immer auf alle Decken und Polster pinkelte, aber meine EMA fand das gar nicht gut. Anfangs versuchte sie noch, die Gartenmöbel abzusperren. Offensichtlich kannte sie sich mit Ziegen nicht aus, denn im Nu war ich über alle Absperrungen geklettert, hatte wieder auf die Tischdecke gepinkelt oder einen Blumentopf vom Fenstersims gezogen. Irgendwann gab es dann keine Absperrung mehr, keine Polster, keine Tischdecken und keine Blumentöpfe. Ich konnte überall hoch und runter springen, wie ich wollte, aber jetzt war es nicht mehr so verlockend. Der Weg vom Garten in die Küche führte durchs Wohnzimmer. Manchmal gelang es mir, mit einem kühnen Satz das Blatt einer Blume aus der Vase auf dem Tisch zu ergattern und damit die Vase vom Tisch zu ziehen. Irgendwann standen dann nie mehr Blumen auf dem Tisch. Ich glaube, meine EMA hatte keine Vasen mehr.

Damit ich den Kontakt zu meinen Artgenossen nicht verliere, wurde ich fast täglich für einige Stunden auf den Hof gebracht und durfte mit meinen Geschwistern und anderen jungen Ziegen spielen. Jetzt lebe ich im Stall mit meiner Halbschwester und deren kleinem Sohn zusammen. Meine EMA besucht mich fast jeden Tag, und manchmal darf ich an der Leine mit ihr und den Pudeln spazieren gehen.

 

 

Top